„Ernst Haeckel“ – Versionsunterschied

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
[ungesichtete Version][ungesichtete Version]
Inhalt gelöscht Inhalt hinzugefügt
Weiße Rose (Diskussion | Beiträge)
etwas neutralisert und einseitige Darstallung korrigiert
Weiße Rose (Diskussion | Beiträge)
→‎Eugenik und Sozialdarwinismus: das Buch handelt von der Geschichte der Eugenik (nicht der Euthanasie; das geht schon aus dem Titel hervor)
Zeile 104: Zeile 104:
Haeckel griff die Idee auf, die Ausschaltung der Selektion durch die Medizin würde zu degenerativen Erscheinungen führen, und popularisierte sie in Deutschland. Haeckel entwickelte diese Überlegungen jedoch nicht, wie [[Francis Galton]], in systematischer Weise. Vor allem vollzog er nicht, wie [[Wilhelm Schallmayer]] und [[Alfred Ploetz]], die "entscheidende Wende von der bloßen Diagnostik degenerativer Tendenzen zu einer therapeutischen Programmatik" (Weingart et al., S. 77)
Haeckel griff die Idee auf, die Ausschaltung der Selektion durch die Medizin würde zu degenerativen Erscheinungen führen, und popularisierte sie in Deutschland. Haeckel entwickelte diese Überlegungen jedoch nicht, wie [[Francis Galton]], in systematischer Weise. Vor allem vollzog er nicht, wie [[Wilhelm Schallmayer]] und [[Alfred Ploetz]], die "entscheidende Wende von der bloßen Diagnostik degenerativer Tendenzen zu einer therapeutischen Programmatik" (Weingart et al., S. 77)


Haeckel blieb auf der Basis der Theorie Darwins bei der deduktiven Feststellung degenerativer Tendenzen in den zivilisierten Gesellschaften und stellte noch keine Überlegungen über eine Gegenstrategie an. Weingart, Kroll und Bayertz schreiben hierzu in dem Standardwerk zur Geschichte der Euthanasie in Deutschland ("Rasse, Blut und Gene", S. 89f.):
Haeckel blieb auf der Basis der Theorie Darwins bei der deduktiven Feststellung degenerativer Tendenzen in den zivilisierten Gesellschaften und stellte noch keine Überlegungen über eine Gegenstrategie an. Weingart, Kroll und Bayertz schreiben hierzu in einem Standardwerk zur Geschichte der Eugenik in Deutschland ("Rasse, Blut und Gene", S. 89f.):
:''"Haeckels Interesse etwa war rein theoretischer Art. Er führte die spartanische Menschenzüchtung als ein Beispiel für die Wirksamkeit des Selektionsprinzips in der menschlichen Gesellschaft an. Den so naheliegenden, sich aufdrängenden Schritt von der Theorie zur Praxis ging er nicht; obwohl er auf die kontraselektorischen Wirkungen der Zivilisation verwies, kam ihm nicht die Idee, die spartanische Menschenzüchtung als ein nachahmenswertes Vorbild zu nehmen, dem es auf der Basis und mit den Mitteln der modernen Selektionstheorie nachzueifern gelte".''
:''"Haeckels Interesse etwa war rein theoretischer Art. Er führte die spartanische Menschenzüchtung als ein Beispiel für die Wirksamkeit des Selektionsprinzips in der menschlichen Gesellschaft an. Den so naheliegenden, sich aufdrängenden Schritt von der Theorie zur Praxis ging er nicht; obwohl er auf die kontraselektorischen Wirkungen der Zivilisation verwies, kam ihm nicht die Idee, die spartanische Menschenzüchtung als ein nachahmenswertes Vorbild zu nehmen, dem es auf der Basis und mit den Mitteln der modernen Selektionstheorie nachzueifern gelte".''



Version vom 11. Oktober 2006, 20:47 Uhr

Ernst Haeckel

Ernst Heinrich Philipp August Haeckel (* 16. Februar 1834 in Potsdam; † 9. August 1919 in Jena) war ein deutscher Zoologe, Philosoph und Freidenker, der die Arbeiten von Charles Darwin in Deutschland bekannt machte und zu einer speziellen Abstammungslehre des Menschen ausbaute.

Haeckel war Arzt, später Professor für vergleichende Anatomie und überdies einer der ersten, die Psychologie als Zweig der Physiologie verstanden. Er prägte einige heute geläufige Begriffe der Biologie wie Stamm oder Ökologie. Auch bezeichnete Haeckel die Politik als angewandte Biologie. Ernst Haeckel entwarf zudem auf naturwissenschaftlicher Grundlage die Weltanschauung des Monismus oder Entwicklungs-Monismus und gründete am 11. Januar 1906 den Deutschen Monistenbund in Jena. Haeckel trug durch seine populären Schriften sehr zur Verbreitung des Darwinismus in Deutschland bei. Er gilt als Wegbereiter der Eugenik und Rassenhygiene obwohl er selbst keine eugenische Vorstellungen hatte, weil er fortschrittsoptimistisch von der Evolution eine Höherentwicklung und keine „Degeneration“ erwartete. Der Deutsche Monistenbund wurde wie auch andere Freidenker-Organisationen 1933 von den Nationalsozialisten verboten. Nationalsozialistische Ideologen haben Ausschnitte seine Aussagen später als Begründung für ihren Rassismus und Sozialdarwinismus herangezogen.

Leben

Ernst Haeckel wurde 1834 als Sohn des Regierungsrates Philipp August Haeckel und seiner Frau Charlotte geb. [[Sethe], die aus einer Juristenfamilie stammte, in Potsdam geboren. 1852 absolvierte Haeckel sein Abitur am Domgymnasium von Mersburg. Dann nahm er in Berlin das Studium der Medizin auf, vor allem bei Albert von Kölliker, Franz Leydin, Rudolf Virchow, bei dem er später kurzzeitig als Assistent arbeitete, und bei Johannes Müller. 1857 und 1858 wurde Haeckel zum Dr. med. promoviert, danach approbiert. Der Arztberuf erschien Haeckel wenig erstrebenswert, da er den Kontakt zu leidenden Patienten scheute.

Haeckel verlobte sich 1858 mit seiner Kusine Agnes Sethe; 1862 erfolgte die Heirat. 1859 bis 1860 betrieb er meeresbiologische Studien im Golf von Neapel. Danach befasste Haeckel sich erstmals mit Darwins "Entstehung der Arten".

1861 habilitierte er sich und wurde Privatdozent für Vergleichende Anatomie in Jena. 1862 hielt Haeckel die erste Vorlesung über die Entstehung der Arten. 1865 erhielt er die Ehrendoktorwürde in Philosophie und eine Professur für Zoologie in Jena, die damals zur Philosophischen Fakultät gehörte. 1866 bis 1867 unternahm Haeckel eine Reise zu den Kanarischen Inseln und nahm dort an der winterlichen Erstbesteigung des Teide teil. In dieser Zeit traf Haeckel mit Charles Darwin, Thomas Huxley und Charles Lyell zusammen.

1867 heiratete Haeckel Agnes Huschke. Der gemeinsame Sohn Walter wurde 1868 geboren, 1871 die Tochter Elisabeth und 1873 die Tochter Emma.

1869 reiste der Forscher nach Norwegen, 1871 nach Dalmatien, 1873 nach Ägypten, in die Türkei und nach Griechenland.

Von 1876 an war Haeckel Prorektor der Universität Jena und unternahm Vortragsreisen durch Deutschland. Bis 1879 folgten mehrere Reisen nach England und Schottland, in deren Verlauf es zu weiteren Begegnungen mit Charles Darwin kam, sowie eine Reise nach Korfu. Von 1881 bis 1882 bereiste Haeckel erstmals die Tropen, unter anderem auch die Insel Ceylon.

1882 war Haeckel am Bau der Villa Medusa und der Einrichtung des Zoologischen Institutes der Universität Jena beteiligt, deren Prorektor er 1884 erneut wurde. 1887 reiste Haeckel nach Palästina, Syrien und Kleinasien, 1890 nach Algerien, 1897 durch Südfinnland und Russland, 1899 nach Korsika und 1900 zum zweiten Mal in die Tropen. In dieser Zeit begann auch seine Freundschaft mit Frida von Uslar-Gleichen (1864-1903). 1907 unternahm der Forscher seine letzte große Reise nach Schweden.

1908 stiftete Haeckel das Phyletisches Museum in Jena.

Haeckel betätigte sich auch politisch. So war er ein Mitglied des Alldeutschen Verbandes. 1905 wurde er Ehrenmitglied der Gesellschaft für Rassenhygiene. Um seine Weltanschauung zu verbreiten, gründete Haeckel 1906 den Monistenbund im Jenaer Zoologischen Institut.

1909 endete Haeckels Lehrtätigkeit, 1910 trat er aus der evangelischen Kirche aus. Seine Frau Agnes starb 1915. Haeckels Gebrechlichkeit nahm in dieser Zeit erheblich zu (Oberschenkelhalsbruch, Armbruch). 1918 verkaufte er die Villa Medusa an die Carl-Zeiss-Stiftung. Ernst Haeckel starb am 9. August 1919.

Haeckel als populärer Forscher

Ernst Haeckel

Haeckels Ideen sind für die Geschichte der Evolutionstheorie von großer Bedeutung. Er definierte u. a. den Begriff Ökologie, und erwies seine Kompetenz als Anatom. Haeckel beschrieb hunderte von neuen Arten. Inspiriert durch den Linguisten August Schleicher, mit dem er in Jena eng befreundet war, führte er Stammbäume zur Darstellung des historischen Verlaufes der Evolution in die Biologie ein. Diese Idee gilt heute indes als überholt; stattdessen verwenden aktuelle Systematiken Kladogramme und Phylogramme. Haeckel postulierte zudem erstmalig den gemeinsamen Ursprung aller Organismen, wobei er allerdings die Abstammung aus dem Bereich dreier Gruppen für wahrscheinlicher hielt. Die meisten Überlegungen dieser Art sind zurzeit jedoch wissenschaftlich falsifiziert.

Die Hauptwerke

Bildtafel zu Strahlentierchen aus Kunstformen der Natur, 1899

Haeckels Werke, die seinen Ruf in der Fachwelt begründeten, sind grundlegende meeresbiologische Monographien über Radiolarien (1862, 1887), Kalkschwämme (1872), Medusen (1879-1880) und Staatsquallen (1869, 1888). Diese Arbeiten brachten ihm letztlich die Berufung zum Professor, später zum ersten Ordinarius für Zoologie in Jena ein. Bei der Beschreibung der von der britischen Challenger-Expedition gesammelten Radiolarien benannte Haeckel über 3.500 neue Arten. Sein Teil des Challenger-Reports umfasst drei Bände mit 2.750 Druckseiten und 140 detaillierten Bildtafeln. Diese Werke besitzen aufgrund ihrer Materialfülle auch heute noch wissenschaftlichen Wert.

Nach 1859 nahm Haeckel die Gedanken von Darwins Entstehung der Arten auf. Haeckels "Generelle Morphologie" (1866) ist ein epochales Werk, das den Beginn zahlreicher noch folgender Synthesen verschiedener Teilgebiete der Biologie im Rahmen der Evolutionstheorie markiert. Nach der "Generellen Morphologie" begann Haeckel, gemeinverständliche, also an Laien gerichtete Bücher - oft verschriftlichte Vortragsreihen - zu publizieren. Diese gingen vom Gedanken der Abstammungslehre aus und thematisierten sowohl wissenschaftliche als auch philosophische Aspekte, die sich in einer monistischen Weltanschauung verdichten. Auflagenstärkstes Buch wurde der Weltbestseller "Die Welträthsel" von 1899.

Um 1900 endete Haeckels wissenschaftliche Arbeit; danach popularisierte er im Grunde nur noch seine eigenen Gedanken. Es erschienen Reiseberichte und ein Band mit Aquarellen. Den wichtigsten Überblick über Haeckels populäre Schriften bietet eine posthum erschienene sechsbändige Ausgabe der Gemeinverständlichen Werke.

Natürliche Schöpfungsgeschichte (1868)

Mit der "Natürlichen Schöpfungsgeschichte" (1868) unternahm Haeckel den ersten Versuch, seine in der „Generellen Morphologie“ entwickelten Gedanken auch für Laien verständlich zusammenzufassen. Trotz der großen Mängel, die Haeckel später bemerkte, erlebte die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ bis zur Publikation der „Welträthsel“ (1899) neun Auflagen und wurde in zwölf Sprachen übersetzt. Die „Welträthsel“ und die „Lebenswunder“ (1904) setzen diese Linie fort, überschreiten jedoch zunehmend den Rahmen der Deutung biologischer Tatsachen im Kontext der Evolutionstheorie.

Anthropogenie (1874)

Datei:Haeckel abstammung des Menschen aus finnischer Wikipedia(1874).jpg
Stammbaum des Menschen nach Haeckel (1874)

Haeckel wendet in seiner Schrift "Anthropogenie" (1874, rund 730 Seiten) die in der "Generellen Morphologie" entwickelten Methoden auf den Menschen an. Nach einer historischen Einleitung in die Geschichte der Evolutionstheorien untersucht er die Keimesgeschichte des Menschen, indem er die Eizelle, Befruchtung, die Anlage der Keimblätter und des Blutkreislaufes im Sinne der Ontogenese darstellt. Der dritte Abschnitt umfasst die Stammesgeschichte oder Phylogenie. Hier stellt Haeckel zunächst einfache Wirbeltiere vor, dann verschiedene Stufen der Ahnenreihe des Menschen:

I. vom Moner zur Gastraea, II. vom Urwurm bis zum Schädelthier, III. vom Urfisch bis zum Amnionthier (=Gruppe aus Reptilien, Vögeln und Säugern) und IV. Vom Ursäuger bis zum Affen.

Der vierte Abschnitt behandelt die Entwicklungsgeschichte einzelner Organsysteme: Hautdecke und Nervensystem, Sinnesorgane, Bewegungsorgane, Darmsystem, Gefäßsystem und Urogenitalsystem. Es folgt ein zusammenfassendes Kapitel, in welchem Haeckel die dualistische Auffassung, besonders den Schöpfungsglauben und die Auffassung von einer von den Hirnfunktionen unabhängigen Seele für widerlegt erklärt und seinen Monismus in kurzen Zügen umreißt. (Nahezu zeitgleich zu Haeckels Buch erschien Darwins „Die Abstammung des Menschen“, die sich methodisch allerdings völlig anders ausrichtete.)

Wissenschaftliche und weltanschauliche Positionen

Kunst und Natur

Bildtafel zu Seeanemonen aus Kunstformen der Natur, 1899

Haeckel sah die Biologie in Vielem mit der Kunst verwandt. Seine künstlerische Begabung wurde durch Symmetrien in der Natur stark angesprochen, unter anderem der von Einzellern wie Radiolarien. Besondere Berühmtheit erlangten seine Abbildungen von Planktonorganismen und Quallen, die die biologische Welt in eindrucksvoller Schönheit darstellten. Dies war schon in seinen wissenschaftlichen Monographien der Fall, besonders aber seine populären "Kunstformen der Natur", die er von 1899 bis 1904 in mehreren Heften veröffentlichte, gehörten – wie Brehms Tierleben – in den Haushalt eines jeden Bildungsbürgers.

Flechten aus Kunstformen der Natur, 1904

Seine Darstellungen beeinflussten die Kunst des beginnenden 20. Jahrhunderts. So beruhen die Glaslüster im Ozeanischen Museum Monaco von Constant Roux ebenso auf Vorlagen Haeckels wie das monumentale Tor des französischen Architekten René Binet auf der Pariser Weltausstellung 1900. Binets von Haeckel inspiriertes Tafelwerk "Esquisses décoratives" wurde zu einer Grundlage der Art nouveau (Jugendstil).

Auch Haeckels Wohnhaus (Villa Medusa, heute das Ernst-Haeckel-Museum) und das von ihm gestiftete Gebäude des Phyletischen Museums, beides in Jena, führen Kunst und Wissenschaft zusammen, in dem z. B. Ornamente der Fassade und Innenausstattung Tafelwerke zu den Medusen zitieren.

Haeckel war unglaublich arbeitsam. So beschrieb er allein von der britischen HMS Challenger-Expedition über 3.500 neue Radiolarien-Arten. Haeckels Challenger-Report umfasst drei Bände mit 2.750 Druckseiten und 140 detailliert gestochenen Tafeln dieser fragilen Organismen. Insbesondere nach dem Tod seiner ersten Frau arbeitete er vielfach mehr als 18 Stunden am Tag.

Biogenetische Grundregel

Haeckels Beobachtungen der Parallelen zwischen Ontogenese und Phylogenese waren Grundlage für die Postulierung eines kausalen Zusammenhanges zwischen ontogenetischen und evolutionären Prozessen; seine Theorie lässt sich im Satz "Ontogenese rekapituliert Phylogenese" zusammenfassen. Die bereits von Baer gemachte Beobachtung, dass sich frühe Ontogenese-Stadien nahe verwandter Organismen stärker ähneln als die späteren Adultformen, ist nach wie vor gültig. Die von Haeckel daraus gezogene Schlussfolgerung eines kausalen Zusammenhangs ist jedoch lange umstritten gewesen und wird von Biologen inzwischen weitgehend abgelehnt.

Die übereinstimmenden Grundmerkmale phylogenetisch verwandter Organismen, lassen sich im Rahmen der Evolutionstheorie verstehen, da neue Merkmale in der Regel auf bereits existierenden Merkmalen aufbauen. Ein modernes Verständnis der biogenetischen Grundregel setzt das Verständnis des Organismus als sich kontinuierlich anpassendes stets im Umbau befindliches System voraus.

Evolution und Monismus

Da Haeckels Versuche die Evolutionstheorie zu beweisen, ungenau waren, und Haeckel selbst die naturwissenschaftliche Erkenntnis in Gegensatz zur Religion stellte, wurden sie unter anderem zu einem Angriffspunkt der Kreationisten, um die Evolutionstheorie zu widerlegen. Er wurde später aber auch von dem Biologen Stephen Jay Gould kritisiert. Philosophisch verfocht er eine monistische Naturphilosophie, unter dem er eine Einheit von Gott und Welt verstand. So schrieb er in "Die Welträtsel":

Die Verschmelzung der anscheinenden Gegensätze, und damit der Fortschritt zur Lösung des fundamentalen Welträthsels, wird uns aber durch das stetig zunehmende Wachsthum der Natur-Erkenntniß mit jedem Jahre näher gelegt. So dürfen wir uns denn der frohen Hoffnung hingeben, daß das anbrechende zwanzigste Jahrhundert immer mehr jene Gegensätze ausgleichen und durch Ausbildung des reinen Monismus die ersehnte Einheit der Weltanschauung in weiten Kreisen verbreiten wird.

Dabei war Haeckel kein strenger Atheist. Zwar lehnte er jeden Schöpfungsakt strikt ab (daher die Schärfe seiner Auseinandersetzung mit den Kreationisten), er kam jedoch aus einem christlichen Elternhaus und sah die Natur - bis hin zu anorganischen Kristallen - als beseelt an. Sein Monismus war der einer durchgeistigten Materie, er sah Gott als identisch mit dem allgemeinen Naturgesetz. In diesem Zusammenhang sprach er u. a. von "Zellgedächtnis" (Mneme) und "Kristallseelen".

Haeckel nahm im September 1904 am Internationalen Freidenker-Kongress in Rom teil, der von 2.000 Menschen besucht wurde. Dort wird er anlässlich eines gemeinsamen Frühstücks feierlich zum "Gegenpapst" aufgerufen. Bei einer folgenden Demonstration der Teilnehmer auf dem Campo Fiore vor dem Denkmal Giordano Brunos befestigt Haeckel einen Lorbeerkranz am Denkmal. Haeckel nimmt diese Ehrungen gerne an: "Noch nie sind mir so viele persönliche Ehrungen erwiesen worden, wie auf diesem internationalen Kongreß". Diese Provokation am Sitz des Papstes löste eine massive Kampagne und Anfeindungen von kirchlicher Seite aus. Insbesondere wurde seine wissenschaftliche Integrität in Frage gestellt, wurde als Fälscher und Betrüger dargestellt und als Affen-Professor verhöhnt. Allerdings gaben 46 bekannte Professoren eine Ehrenerklärung für Haeckel ab. Mit der Schrift "Sandalion - Eine offene Antwort auf die Fälschungs-Anklagen der Jesuiten" konnte Haeckel die Fälschungsvorwürfe weitgehend entkräften.

Am 11. Januar 1906 wird auf Haeckels Initiative der Deutsche Monistenbund in Jena gegründet, den Ernst Haeckel schon im September 1904 in Rom vorgeschlagen hatte. Mit dem Monistenbund fanden die bereits seit kurzer Zeit bestehenden, sehr heterogenen monistischen Bestrebungen einen übergreifenden organisatorischen Rahmen, der sich dezidiert auf eine naturwissenschaftliche Basis im Sinne Haeckels stellte, in den aber nicht alle Vertreter des Monismus eingebunden wurden. Haeckel wird Ehrenpräsident des Deutschen Monistenbundes.

Ernst Haeckel gehörte zu den führenden Freidenkern und Vertretern eines naturwissenschaftlich orientierten Fortschrittsgedankens, wodurch seine Ideen nicht nur für rechte und national gesinnte, sondern auch für bürgerlich-liberale sowie linke Kreise attraktiv waren. Die Monisten um Haeckel hatten damals viele Anhänger, so zählten beispielsweise Ferdinand Tönnies, Henry van de Velde, Alfred Hermann Fried, Otto Lehmann-Rüssbildt, Helene Stöcker, Magnus Hirschfeld, Carl von Ossietzky dazu. Auch Sozialisten und Anarchisten wie August Bebel und Franz Mehring griffen einige seiner Ideen auf. Teile seiner Ideen wurden von Nationalsozialisten übernommen, die zwar den Monismus ablehnten, die sozialdarwinistischen Aspekte Haeckels jedoch gut für ihre Ideologie verwenden konnten.

Pazifismus und Friedensbewegung

Ernst Haeckel vertrat pazifistische Ideen. So unterstützte er die Friedensbewegung Bertha von Suttners (die die Werke Haeckels und Darwins las und die Evolutionslehre vertrat) durch Glückwunschadressen und Briefe [1].

Ethik und Zukunft

Die in den Welträtseln beschriebene monistische Ethik bleibt bei allem revolutionären Anspruch wie Iring Fetscher anmerkt im Umkreis erfüllbarer bürgerlicher Alltagstugenden stecken. Haeckel leitet aus dieser Ethik allerdings eine Utopie ab, die die Fortschritte von Wissenschaft und Technik auch gesellschaftlich nutzen möchte. Haeckel schreibt:

„Die höhere Kultur, der wir erst jetzt entgegen zu gehen anfangen, wird voraussichtlich die Aufgabe stets im Auge behalten müssen, allen Menschen eine möglichst glückliche, d.h. zufriedene Existenz zu verschaffen. Die vervollkommnete Moral, frei von allem religiösen Dogma und auf die klare Erkenntnis der Naturgesetze gegründet, lehrt uns die alte Weisheit der goldenen Regel („Welträthsel“, Kap. 19), mit den Worten des Evangeliums: „Liebe deinen nächsten als dich selbst.“ Die Vernunft führt uns zu der Einsicht, daß ein möglichst vollkommenes Staatswesen zugleich die möglichst große Summe von Glück für jedes Einzelwesen, das ihm angehört, schaffen muß. Das vernünftige Gleichgewicht zwischen Eigenliebe und Nächstenliebe, zwischen Egoismus und Altruismus, wird das Ziel unserer monistischen Ethik. Viele barbarische Sitten und alte Gewohnheiten, die jetzt noch als unentbehrlich gelten: Krieg, Duell, Kirchenzwang usw. werden verschwinden. Schiedsgerichte werden hinreichen, um in allen Rechtsstreitigkeiten der Völker und Personen den Ausgleich herbeizuführen. Das Hauptinteresse des Staates wird nicht, wie jetzt, in der Ausbildung einer möglichst starken Militärmacht liegen, sondern in einer möglichst vollkommenen Jugenderziehung auf Grund der ausgedehntesten Pflege von Kunst und Wissenschaft. Die Vervollkommnung der Technik, aufgrund der Erfindungen in der Physik und Chemie, wird die Lebensbedürfnisse allgemein befriedigen; die künstliche Synthese vom Eiweiß wird reiche Nahrung für alle liefern. Eine vernünftige Reform der Eheverhältnisse wird das Familienleben glücklich gestalten.“ (aus: "Die Lebenswunder" 1904, Kap. 17, Abschnitt IV c, vollständig)

Eugenik und Sozialdarwinismus

Haeckel griff die Idee auf, die Ausschaltung der Selektion durch die Medizin würde zu degenerativen Erscheinungen führen, und popularisierte sie in Deutschland. Haeckel entwickelte diese Überlegungen jedoch nicht, wie Francis Galton, in systematischer Weise. Vor allem vollzog er nicht, wie Wilhelm Schallmayer und Alfred Ploetz, die "entscheidende Wende von der bloßen Diagnostik degenerativer Tendenzen zu einer therapeutischen Programmatik" (Weingart et al., S. 77)

Haeckel blieb auf der Basis der Theorie Darwins bei der deduktiven Feststellung degenerativer Tendenzen in den zivilisierten Gesellschaften und stellte noch keine Überlegungen über eine Gegenstrategie an. Weingart, Kroll und Bayertz schreiben hierzu in einem Standardwerk zur Geschichte der Eugenik in Deutschland ("Rasse, Blut und Gene", S. 89f.):

"Haeckels Interesse etwa war rein theoretischer Art. Er führte die spartanische Menschenzüchtung als ein Beispiel für die Wirksamkeit des Selektionsprinzips in der menschlichen Gesellschaft an. Den so naheliegenden, sich aufdrängenden Schritt von der Theorie zur Praxis ging er nicht; obwohl er auf die kontraselektorischen Wirkungen der Zivilisation verwies, kam ihm nicht die Idee, die spartanische Menschenzüchtung als ein nachahmenswertes Vorbild zu nehmen, dem es auf der Basis und mit den Mitteln der modernen Selektionstheorie nachzueifern gelte".

Weil sich Ernst Haeckel sehr dezidiert zu eugenischen beziehungsweise rassehygienischen Fragestellungen geäußert und dabei Selektionsmechanismen und Züchtungsgedanken angesprochen hat, wird er von verschiedenen Historikern als einer der wichtigsten Wegbereiter der Rassenhygiene/Eugenik in Deutschland betrachtet. In seinem Buch "Die Lebenswunder" (1904) heißt es etwa:

„Es kann daher auch die Tötung von neugeborenen verkrüppelten Kindern (.....) vernünftigerweise nicht unter den Begriff des Mordes fallen, wie es noch in unseren modernen Gesetzbüchern geschieht. Vielmehr müssen wir dieselbe als eine zweckmäßige, sowohl für die Beteiligten, wie für die Gesellschaft nützliche Maßregel billigen.“

oder

„Hunderttausende von unheilbar Kranken, namentlich Geisteskranke, Aussätzige, Krebskranke usw. werden in unseren modernen Culturstaaten künstlich am Leben erhalten, ohne irgend einen Nutzen für sie Selbst oder für die Gesamtheit."

Bei Charles Darwin las sich die entsprechende Passage noch:

„We civilised men, on the other hand, do our utmost to check the process of elimination; we build asylums for the imbecile, the maimed, and the sick; we institute poor-laws; and our medical men exert their utmost skill to save the life of every one to the last moment. There is reason to believe that vaccination has preserved thousands, who from a weak constitution would formerly have succumbed to small-pox. Thus the weak members of civilised societies propagate their kind. No one who has attended to the breeding of domesting animals will doubt that this must be highly injurious to the race of man. It is surprising how soon a want of care, or care wrongly directed, leads to the degeneration of a domestic race; but expecting in the case of man himself, hardly any one is so ignorant as to allow his worst animals to breed." (Charles Darwin: The descent of man, and selection in relation to sex, 1871).

Inwieweit Haeckel hier in der ihm eigenen Polemik Darwins Ideen wiedergab, oder selbst eigene Konzepte entwickelte, ist umstritten – in jedem Fall hat auch schon Charles Darwin selbst Selektions- und Evolutionsprinzipien auf soziale Systeme und Gesellschaften übertragen, wenn auch nicht in dem Sinn, in dem das Wort „Sozialdarwinismus“ später gebraucht und mit der Eugenik in Verbindung gebracht wurde: mit künstlicher und aktiver Selektion durch die Gesellschaft, und nicht als implizite Regel der Natur, wie von Darwin und Haeckel beschrieben. NS-Eugeniker forderten weniger den Verzicht auf „gegen die Prinzipien der natürlichen Selektion verstoßende“ ärztliche und soziale Maßnahmen, sondern vielmehr die aktive Beseitigung und/oder Unfruchtbarmachung.

Haeckel war seit 1905 Mitglied in der von Alfred Ploetz gegründeten Gesellschaft für Rassenhygiene. Satzung und Ziel der Gesellschaft sahen die Förderung der „Theorie und Praxis der Rassenhygiene unter den weißen Völkern“ vor. Haeckel wird auch deswegen immerwieder unterstellt dem Rassismus unter den Nationalsozialisten wissenschaftliche Grundlage geliefert zu haben. Dies lässt sich aber bei genauerer Betrachtung nicht aufrechterhalten. So schreibt Haeckel z.B. in seinem Werk "Die Welträthsel" (1899):

In der Philosophie der Geschichte, in den allgemeinen Betrachtungen, welche die Geschichtsschreiber über die Schicksale der Völker und über den verschlungenen Gang der Staatenentwickelung anstellen, herrscht noch heute die Annahme einer "sittlichen Weltordnung". Die Historiker suchen in dem bunten Wechsel der Völker-Geschicke einen leitenden Zweck, eine ideale Absicht, welche diese oder jene Rasse, diesen oder jenen Staat zu besonderem Gedeihen auserlesen und zur Herrschaft über die anderen bestimmt hat. Diese teleologische Geschichtsbetrachtung ist neuerdings umso schärfer in principiellen Gegensatz zu unserer monistischen Weltanschauung getreten, je sicherer sich diese letztere im gesammten Gebiete der organischen Natur als die allein berechtigte herausgestellt hat.[2]

Auch einer Rassenhygiene im nationalsozialistischen Verständniss der Vermeidung von Vermischung wiederspricht Haeckel völlig! So steht ebenfalls in seinem Werk "Die Welträthsel" (1899):

Auch den beiden Eltern des Paulus soll (neueren historischen Forschungen zufolge) der Vater griechischer, die Mütter jüdischer Rasse sein. Die Mischlinge dieser beiden Rassen, die ursprünglich ja sehr verschieden sind (obgleich beide Zweige derselben Species: Homo mediterraneus!), zeichnen sich oft durch eine glückliche Mischung der Talente und Charakter-Eigenschaften aus, wie auch viele Beispiele aus neuerer Zeit und aus der Gegenwart beweisen. Die plastische orientalische Phantasie der Semiten und die kritische occidentale Vernunft der Arier ergänzen sich oft in vortheilhafter Weise.[3]

Die zugewiesene Schuld als gedanklicher Vater der rassehygienischen Irrlehren der Nationalsozialisten und Anderer trifft nur bezüglich Haeckels Rechtfertigungen der Euthanasie an physisch und/oder psychisch behinderten Menschen zu und diese muss darüber hinaus natürlich im Rahmen der allgemeinen Auffassung um 1900 bewertet werden in der behinderten Menschen als schrecklich leidende Wesen und eine entsprechende Euthanasie als Gnadentod betrachtet wurden. Erst die Psychologie, die um 1900 duch Sigmund Freud erst begründet wurde änderte diese, heute als höchst unmoralisch und verwerflich angesehene, Auffassung über Euthanasie mit der Zeit.

Kritik

Haeckel wird vorgeworfen, immer wieder seine Autorität als Naturwissenschaftler missbraucht zu haben, um seine politischen Ideen zu legitimieren.

Sein Biogenetisches Grundgesetz von 1866 wird von der modernen Biologie in seiner Schlussfolgerung als widerlegt betrachtet. Es ist keinesfalls ein Naturgesetz, wie zunächst von Baer und Haeckel postuliert wurde. Dennoch hat die Beobachtung einer scheinbaren Rekapitulation der Entwicklungsstadien der Organismen nach wie vor eine Bedeutung. Sie zeigt eine Verwandtschaft der betrachteten Arten auf und ist, wenn auch kein Gesetz, so doch eine wiederholbare und belegbare morphologische Beobachtung. Auch die bekannten Lehrbuchautoren Rüdiger Wehner und Walter Gehring schreiben in ihrem Lehrbuch "Zoologie":

Die Form freilich, die Haeckel (1834-1919) in seiner "biogenetischen Grundregel" (1866) diesem Sachverhalt prägnant, aber stark vergröbernd gegeben hat, daß nämlich die Ontogenese eines Organismus die Rekapitulation seiner Phylogenese bedeute, beschreibt die Verhältnisse zu einseitig. Die Embryonalentwicklung jedes Organismus ist reich an Eigenanpassungen (Caenogenesen), die – wie die Keimhülle der Amnioten (Abb. 3.20) – den spezifischen Bedingungen des sich entwickelnden Embryos Rechnung tragen.

Die Haeckel zugeschriebene Neigung zur philosophischen Bewertung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse soll mit dafür verantwortlich sein, dass seine Abbildungen biologischer Objekte teilweise bewusst verfälscht sind. Sein Biogenetisches Grundgesetz gilt besonders Evolutionskritikern daher heute als prominentes Beispiel für Wissenschaftsbetrug. Neutralere Beobachter vermuten, dass die tendenzielle Deutung seiner embryologischen Beobachtungen als zu starke Schematisierung verstanden werden kann.

Obwohl Haeckel die induktive Methode Darwins lobend herausstellte, war er doch mehr von der deduktiven Gedankenkonstruktion Lamarcks fasziniert. So nimmt es nicht Wunder, dass er naturwissenschaftliche Erkenntnisse aus vielen Bereichen, teilweise auch verfälschte, sehr gezielt als Beleg seines Monismus darstellte und eine kritische, nach allen Seiten orientierte Betrachtung unterließ.

Haeckel hat im hohen Alter wärend des erstern Weltkrieges zudem einen polemischen deutschnationalen Chauvinismus entwickelt, der sich besonders deutlich in seinem Text Ewigkeit äußert: „Ein einziger feingebildeter deutscher Krieger […] hat einen höheren intellektuellen und moralischen Lebenswert als hunderte von den rohen Naturmenschen, welche England und Frankreich, Russland und Italien ihnen gegenüberstellen.“ In der Generellen Morphologie heißt es zudem: "Die Unterschiede zwischen den höchsten und den niedersten Menschen [sind] grösser, als diejenigen zwischen den niedersten Menschen und den höchsten Thieren." Dies folgerte er allerdings ausdrücklich nicht aus der Genetik sondern aus der sozialdarwinistischen Theorie.

Wirkungsgeschichte: weltanschauliche Bedeutung und Ausbeutung

In der Histerographie bestehen vermeintlich zwei Extrempositionen zur politischen Verortung des Darwinismus bzw. Sozialdarwinismus. Günther Zarzlik (1963) zieht eine Linie von sozialdarwinistischen Entwürfen zu rechtsradikalen Ideologien. David Gasmann (1971) und unabhängig davon Richard Weikart sehen in Haeckel gar einen Vordenker des Nationalsozialismus. In Bezug auf den Darwinismus kommt etwa Gunter Mann (1973) zum Urteil: Darwinismus sei ein integraler Bestandteil der „marxistisch-kommunistisch-materialistischen Weltanschauung“ (Mann). Diese unterschiedlichen Zuschreibungen finden sich vereinnahmend oder ablehnend auch bei Gegnern und Befürwortern Haeckels.

Günter Altner (1981) schlägt ein Stufenmodell des nicht zwangsläufigen Weges von Darwinismus zum Nationalsozialismus vor das auch geeignet ist Haeckels Beitrag zu bestimmen. Nach dem wissenschaftlichen Darwinismus bilden danach Sozialdarwinismus, Rassenhygiene und Rassenanthropologie die entscheidenden und zeitlich und logisch aufeinander folgenden Schritte. Rasse ist in der ursprünglichen Bedeutung von Rassenhygiene kein Begriff des 'Rassenkampfes' sondern wird im Sinne der englischen Sprache als Synonym für die gesamte Menschheit gebraucht. Haeckel liefert in diesem Modell relevante Beiträge zu den ersten drei Stufen: Im Rahmen des wissenschaftlichen Darwinismus bestimmt er die Stellung des Menschen innerhalb der Primaten. Auf der Stufe des Sozialdarwinismus überträgt er biologische Vorstellungen auf gesellschaftliche Verhältnisse – wobei oftmals seine antiklerikale bzw. antikatholische Haltung den Ausschlag gibt. In der Rassenhygiene bleibt Haeckel im 19. Jahrhundert verfangen. Er fördert vor allem die Arbeit anderer Autoren. Beim Preisausschreiben „Was lernen wir von den Prinzipien der Deszendenztheorie“ 1900 fördert er den Arzt Wilhelm Schallmayer, der Haeckels Thesen radikalisiert und dessen Schriften später zu einem der Grundpfeiler der angewandten Rassenhygiene in der Zeit des Nationalsozialismus wurden.

Die linke Rezeption bis 1933

Haeckel wurde von verschiedenen Sozialdemokraten, Sozialisten oder Anarchisten, auch Prominenten wie etwa August Bebel, Alfred Hermann Fried, Magnus Hirschfeld, Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Friedrich Albert Lange, Lenin, Franz Mehring, Otto Lehmann-Rüssbildt, Julius Schaxel, Helene Stöcker, Ferdinand Tönnies oder Henry van de Velde gelesen und aufgegriffen. Pjotr Alexejewitsch Kropotkin setzte dem „Kampf ums Dasein“ die „Gegenseitige Hilfe“ entgegen. Karl Kautsky, der zum „Darwino-Marxismus“ Flügel der Sozialdemokraten zählte, arbeitete programmatisch zur Rassenhygiene.

In der politischen Linken war man sich in Bezug auf die Einschätzung Haeckels keineswegs einig. So finden sich etwa im ersten Jahrgang der popolärwissenschaftlich-sozialistischen Zeitschrift „Urania“ (1925) bei drei Bezugnamen auf Haeckel drei unterschiedliche Positionen. Robert Niemann würdigt Haeckel als nachbürgerlichen, entwicklungsgeschichtlich orientierten Freigeist, für Karl August Wittfogel ist Haeckel ein Ahnherr zur Zerstörung der alten Ideologie; „die das geistige Bollwerk der kapitalistischen Besitzverhältnisse bildet“. K. Schäfer kritisiert den Sozialdarwinismus bei der Rückführung der Ethik auf die Naturwissenschaft. Es könne nichts anderes als „waschechte kapitalistische Ethik“ herauskommen und belegt dieses mit einem Zitat von Haeckel. „Der Darwinismus ist alles andere eher als sozialistisch“ (S. 258). Lenin lobt 1908 Haeckel für seinen Kampf gegen die idealistische Professorenphilosophie. Friedrich Albert Lange integriert in seiner Geschichte des Materialismus ausschließlich entwicklungsgeschichtliche Positionen Haeckels. Magnus Hirschfeld gewinnt Haeckel nach einem Besuch als Autor seiner Zeitschrift für Sexualwissenschaft zum Thema menschliche Hermaphroditen.

Bedeutend sind auch die Beiträge, die Haeckels Nachlassverwalter Heinrich Schmidt für die Buchreihen des Urania Verlages zum Thema Affenabstammung des Menschen, Kampf ums Dasein oder Fortpflanzung schrieb.

Die nationalsozialistische Rezeption im Dritten Reich

Im Nationalsozialismus wurde Haeckel vereinnahmt. So wurde beispielsweise versucht das Ernst-Haeckel-Haus im Sinne der NS-Rassenideologie zu erweitern. Nationalsozialistische Haeckelanhänger waren beispielsweise Karl Astel (1898-1945), Heinz Brücher (1915-1991), Viktor Franz (1883-1953) oder der nach dem Dritten Reich bedeutende Evolutionsbiologe Gerhard Heberer (1901-1973). Diese Anhänger sammelten und publizierten nationalistische Texte und Textstellen oder werteten antisozialistische, rassistische oder eugenische Textstellen aus dem Gesamtwerk Haeckels. Den für die NS-Ideologie zentralen Antisemitismus konnte Brücher, der Haeckel attestierte „engstirnige Judenhaß sei ihm fremd“ (Brücher 1936, S. 117) in einem Gespräch mit Hermann Bahr finden. Haeckel habe sich gegen die Einwanderung russischer Juden gewandt 'die unserer Gesittung unverträglich' seien. Für Brücher ist Haeckels Spätwerk die Kristallseelen ein Musterbeispiel germanischer ganzheitlicher Forscherkunst und daher Haeckel nicht materialistisch. Er legte daneben eine umfangreiche Sippenforschung vor, in der Haeckel auch rassenkundlich begutachtet wurde. Haeckel sei vom Wesen her nordisch. Allerdings sieht er Probleme bei der 'Erbgesundheit' seiner Familie.

Ganz anders der NS-Funktionär Günter Hecht, dieser verwirft die Bedeutung der Werke Haeckels für die NS-Ideologie mit dem Vorwurf, es würde sich um Materialismus handeln, wobei Materialismus im Kontext der NS-Ideologie ein Synonym für 'jüdischen Marxismus' ist. Die weltanschaulichen Artikel Heberes etwa in „Volk und Rasse“ oder den „Nationalsozialistischen Monatsheften“ versuchen diesen Vorwurf abzuwehren und erinnern vor allem an die antiklerikale Position Haeckels um dieses im nationalsozialistischen Kirchenkampf zu nutzen. Letztlich kommt es im NS nicht zu einer einheitlichen von der NSDAP festgelegten Einschätzung des Werkes Haeckels. Neofaschisten nach 1945 argumentieren nicht mit Haeckel.

Die Nationalsozialisten beriefen sich immer wieder auf vermeintlich wissenschaftliche Grundlagen, wobei insbesondere auch der "Sozialdarwinismus" Ernst Haeckels vereinnahmt wurde. Haeckel setzte die Kulturgeschichte mit der Naturgeschichte gleich, da beide seiner Meinung nach den gleichen Naturgesetzen gehorchten. Diese Vorstellung soll Hitler stark beeindruckt haben — so jedenfalls die These von Daniel Gasman, The Scientific Origins of National Socialism, 1971:

"Hitler's views on [...] nature, eugenics [...] and evolution [...] coincide for the most part with those of Haeckel and are more than occasionally expressed in very much the same language".

Haeckel in der DDR

Das Ernst-Haeckel-Haus wurde in der DDR als wissenschaftshistorische Forschungsstätte weiterbetrieben und hat auch die Wiedervereinigung überstanden. In ideologischer Hinsicht wurde bei der Rezeption Haeckels versucht, das revolutionäre Element seiner Biographie zu betonen. So interpretiert Georg Schneider (1950) eine Zeichnung des 16-jährigen Haeckel von 1850 mit dem Titel "Nationalversammlung der Vögel" als Anteilnahme Haeckels an der innerpolitischen revolutionären Entwicklung Deutschlands, oder Erika Kause (1987) stellt z. B. eine Verbindung der Schullehrer Haeckels mit der Revolution von 1848 her. Der Herausgeber einer DDR-Neuausgabe der Welträtsel, Olof Klohr, spielt Haeckels rassistisch-chauvinistische Ausfälle herunter, um den Materialisten Haeckel zu betonen und ihn als Vorläufer der sozialistischen Ideologie bzw. der wissenschaftlich-technischen Revolution des 19. Jahrhunderts darzustellen.

Die linke Rezeption (west)

Haeckel ist für die westdeutsche Linke nach 1945 allenfalls von historischer Bedeutung. Die Kämpfe, für die er stand, gelten als siegreich beendet. Darwinismus bzw. Evolutionstheorie und die Stellung des Menschen im Tierreich sind als Teil der Schulbiologie anerkannt für deren Durchsetzung also nicht mehr gekämpft werden muss. Eine Neuausgabe der Welträtsel wurde von Iring Fetscher betreut, der die historische Bedeutung des Textes für den Materialismus würdigt und auf Probleme mit Haeckels Rassismus und Chauvinismus hinweist. Im Rahmen der nach 1980 einsetzenden linken Auseinandersetzungen mit Eugenik, Euthanasie oder Rassismus wird Haeckel nur am Rande behandelt und allenfalls Teile seines Werkes als Material verwendet.

Werke

  • Über die Eier Scomberesoces. J. Müllers Archiv für Anatomie und Physiologie S.23-32 Tafel IV, V, 1855
  • Über die Beziehungen des Typhus zur Tuberkulose. Wiener medizinische Wochenschrift, Bd. VI S. 1-5, 17-20, 1856
  • Fibrois des Uterus. Wiener medizinische Wochenschrift, Bd. VI S. 97-101, 1856
  • De telis quibusdam Astaci fluviatilis. Dissertio inauguralis histologica, die VII M.Martini A. Berolini, T.G. Schade (48 Seiten, 2 Tafeln), 1857
  • Über die Gewebe des Flußkrebses. Müllers Archiv für Anatomie und Physiologie, S. 469-568 Tafel XVIII, XIX, 1857
  • Beiträge zur normalen und pathologischen Anatonmie der Plexus chlorioides. Vierchows Archiv für pathologische Anatomie, Bd. XVI, S. 253-289, Tafel VIII, 1858
  • Über Augen und Nerven der Sterntiere. Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie, Band 1859, S.183-190 Tafel XI, 1859
  • Reiseskitzen aus Sizilien. Zeitschrift für allgemeine Erdkunde, Bd. VIII S.433-486, Berlin 1860
  • Über neue lebende Radiolarien des Mittelmeers. Monatsbericht der Königlichen Akademie der Wissenschaften Berlin, 13. Dezember 1860 S.794-817, 1860
  • Abbildung und Diagnosen neuer Gattungen und Arten von lebenden Radiolarien des Mittelmeers. Monatsbericht der Königlichen Akademie der Wissenschaften Berlin, 20. Dezember 1860 S.835-845, 1860
  • De Rizopodum finibus et ordinibus. Dissertio pro venia legendi impetranda in litterarum universitate Jenensi. Die IV. M. Martini 1861, Berolini, Georg Reimer, 1861
  • Die Radiolarien (Rhizopoda radiata). Eine Monographie. Georg Reimer Bd. 1 (Text) XVI und. 572 Seiten. Bd. 2 (Atlas) 35 Tafeln, Berlin 1862
  • Über die Entwicklungstheorie Darwins. Öffentlicher Vortrag in der Allgfemeinen Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte zu Steettin, am 19. September 1862 (Amtlicher Bericht über die 37. Versammlung S. 17), 1863
  • Beiträge zur Kenntnis der Corycaeiden (Copepoden). Jenaische Zeitschrift für Medizin und Naturwissenschaft. Bd1. S.61-112, Tafel I-III, 1864
  • Beschreibung neuer craspedoter Medusen aus dem Golf von Nizza. Jenaische Zeitschrift für Medizin und Naturwissenschaft. Bd1. S. 325-342, 1864
  • Die Familie der Rüsselquallen (Medusae Geryonidae). Jenaische Zeitschrift für Medizin und Naturwissenschaft. Bd1. S. 435-469 Tafel XI, XII, 1864
  • Über eine neue Form des Generationswechsels bei Medusen und über die Verwandtschaft der Geryoiniden und Äginiden. Monatsbericht der Berliner Akademie S.85-94, 1865

Quellen

  1. Brigitte Hamann: Berta von Suttner. Ein Leben für den Frieden. 2. Aufl., München 1987 S. 71, 140, 158, 165 ISBN 3-492-03037-8
  2. Ernst Haeckel: [ http://www.zum.de/stueber/haeckel/weltraethsel/weltraethsel.html Die Weltraethsel] Jena, 1903
  3. Ernst Haeckel: [ http://www.zum.de/stueber/haeckel/weltraethsel/weltraethsel.html Die Weltraethsel] Jena, 1903

Literatur

  • Erika Krause: Ernst Haeckel, Leipzig 1984
  • Johannes Hemleben: Ernst Haeckel in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg 1964
  • Bernhard Kleeberg: Theophysis. Ernst Haeckels Philosophie des Naturganzen, Köln / Weimar: Böhlau 2005 ISBN: 3412173045
  • Peter Klemm: Ernst Haeckel. Der Ketzer von Jena. Ein Leben in Berichten, Briefen und Bildern, 2. Aufl., Leipzig: Urania, 1968
  • Georg Uschmann: Ernst Haeckel. Biographie in Briefen mit Erläuterungen, 328 S. mit 50 farb. u. sw-Abb., Leipzig: Urania, 1984 ISBN 3-570-09027-2
  • Daniel Gasman: Haeckel's Monism and the Birth of Fascist Ideology, New York: Peter Lang, 1998 ISBN 0-8204-4108-2
  • Paul Weindling: Health, race and German politics between national unification and Nazism 1870-1945, Cambridge University Press, 1989, ISBN 0-521-36381-0
  • Rüdiger Wehner und Walter Gehring: Zoologie, Kap.11.1.4. S. 573-575, 23.te Auflage, Thieme Verlag, Stuttgart 1995, ISBN 3-13-367423-4
  • Peter Weingart, Jürgen Kroll und Kurt Bayertz: Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland, 746 S., Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 1992 ISBN 3-518-28622-6

Zitate über Ernst Haeckel

  • Charles Darwin: Wäre die 'natürliche Schöpfungsgeschichte' erschienen, bevor meine Arbeit niedergeschrieben war, dann würde ich sie wahrscheinlich nie zu Ende geführt haben. Fast alle Schlüsse, zu denen ich gekommen, finde ich durch diesen Naturforscher bestätigt, dessen Kenntnisse in vielen Punkten viel vollkommener sind als die meinen. (Einleitung zu Die Abstammung des Menschen, Auflage 1870)
  • Franz Mehring: Uns scheint das Buch von sehr aktuellem Interesse auch für die sozialdemokratische Partei zu sein (zu Haeckels Buch "Welträthsel", 1899/1900)
  • Thomas Alva Edison: Haeckel ist der größte unter den lebenden Menschen. Ich glaube absolut an seine Theorie.
  • Rudolf Steiner: In ... widerspruchsvoller Art leben zwei Wesen in Haeckel. Ein Mensch mit mildem, liebeerfülltem Natursinn, und dahinter etwas wie ein Schattenwesen mit unvollendet gedachten, engumgrenzten Ideen, die Fanatismus atmeten ... Ein Menschenrätsel, das man nur lieben konnte, wenn man es sah; über das man oft in Zorn geraten konnte, wenn es urteilte. (in Mein Lebensgang, 1925)
Commons: Ernst Haeckel – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Schriften von und über Ernst Haeckel im Internet:

Ernst Haeckel und Museen in Jena (lohnen auch architektonisch!)